Angst vor Bewegung nach Bandscheibenvorfall? Wie therapeutisches Pilates hilft

Autorin: Anna-Maria Breil (Sport- und Trainingswissenschaftlerin B.A. & zertifizierte Pilatestrainerin)

Aktualisiert am May 24, 2026

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2018 hat mich ein eigener Bandscheibenvorfall gelehrt, wie groß die Angst vor Bewegung danach werden kann, auch wenn der Bandscheibenvorfall selbst schon viele Wochen zurück liegt. Und wie belastend das auf Dauer wird. Ich bin Anna-Maria Breil, leidenschaftliche Sportlerin, Sport- und Trainingswissenschaftlerin, seit über 30 Jahren Pilatestrainerin und mittlerweile auch Sporttherapeutin. 2018 stand ich genau dort, wo heute viele meiner Teilnehmer stehen, vielleicht ja auch du: der Bandscheibenvorfall schon Wochen oder gar Monate her, aber innerlich immer noch völlig blockiert, voller Angst vor Bewegung und voller Unsicherheit, sich selbst zu schaden. Wenn dann auch noch Schmerzen da sind, ist die Sorge gleich noch größer.

Pilates hat mich da rausgeholt. Das erkläre ich immer, wenn ich danach gefragt werde, weil es genauso war. Aber ich habe nicht gleich wieder meine eigenen Kurse gegeben oder bin in andere „normale“ Pilateskurse gegangen. Ich brauchte einen Zwischenschritt, bevor mein Körper bereit war für das „normale“ Training. Genau diesen gangbaren Weg mit Pilates möchte ich dir in diesem Ratgeber zeigen.

Wenn du nach einem Bandscheibenvorfall noch Schmerzen spürst und dich nicht traust, dich wieder aktiv zu bewegen, obwohl der Bandscheibenvorfall schon einige Wochen her ist, bist du hier richtig.

In diesem Ratgeber zeige ich dir, warum dein Rücken nach einem Bandscheibenvorfall noch schmerzen kann, obwohl körperlich alles geheilt ist, welcher Kreislauf dich in der Bewegungsangst gefangen hält und wie du Schritt für Schritt wieder Vertrauen in deinen Körper aufbaust.

Nach dem Lesen verstehst du, dass deine Angst keine Schwäche ist, sondern ein Muster mit klaren Hebeln, die sich verändern lassen. Und du weißt, mit welchem ersten Schritt du wieder in Bewegung kommst, ohne dich zu überfordern. 

Wusstest du, dass etwa 50 bis 70 Prozent aller Menschen mit anhaltenden Schmerzen eine Angst vor Bewegung entwickeln? Eine Zahl, die mich beim Lesen meiner Studienliteratur fast vom Stuhl gerissen hat. So viele. Und kaum jemand spricht offen darüber, dabei ist Bewegungsangst ein wichtiger Faktor bei deinem Rehabilitationsprozess.

Diese Zahl hat noch etwas Besonderes. Wie stark deine Angst ist, hängt nicht so sehr davon ab, wie weh der Rücken aktuell tut. Die Forschung zeigt klar, dass die Schmerzintensität dabei nur eine schwache Rolle spielt. Viel entscheidender ist, was dein Kopf aus dem Schmerz macht. Das ständige Grübeln, das innere Bild von einem zerbrechlichen Rücken, der Gedanke, dass jede Bewegung alles wieder einreißen kann. Genau dieses gedankliche Karussell zieht die Angst groß. Nicht der Schmerz selbst. Das deine gedankliche Bewertung deines Zustands für die Angst sorgt und damit auch die Aufrechterhaltung von Bewegungsangst und Schmerz, ist eine ganz wichtige Erkenntnis.

In meiner Pilatesstudio-Praxis erlebe ich das immer wieder. Eine Teilnehmerin, deren MRT seit Monaten unauffällig ist, traut sich nicht, ihre Tasche auf den Tisch zu heben. Eine andere kommt zu mir, weil sie ihren Pilateskurs vermisst, sich aber nicht zurücktraut und auch nicht Schmerzen hat. Beide haben sich entschuldigt: „Warum bin ich nur so ein Angsthase. Irgendwas stimmt doch nicht“. Sie sind keine Angsthasen. Sie sind Menschen, bei denen die Vorsicht nach dem Bandscheibenvorfall zur Falle geworden ist. Diese Falle hat einen Namen, ein klares Muster und vor allem einen Ausgang.

 

Und ich verrate dir noch was.

Ende 2025 habe ich mir kurz vor Weihnachten so heftig einen Nerv eingeklemmt, dass ich eine Woche kaum kriechen konnte. Die Schmerzen waren brutal und hielten mich einige Tage und Nächte auf Trapp. In meinem Kopf kreisten nur noch Katastrophengedanken: Was, wenn es wieder ein Bandscheibenvorfall ist? Was passiert, wenn ich längere Zeit ausfalle und mein neues Pilatesstudio nicht weiter führen kann? Ich mache doch so viel Pilates – kann ich mich da nicht schützen?

Ich. Die im Sportstudium die Mechanismen über Schmerzen gelernt hat und so viel über einen gesunden Rücken weiß und seit vielen Jahren kontinuierlich Pilates macht.

Auch ich war in diesem Moment kurz gefangen in genau dem Gedankenkarussell, das ich gerade beschrieben habe. Das zeigt mir jedes Mal wieder: Die sorgenvollen Gedanken sind eine zutiefst menschliche Reaktion. Doch das Wissen über das Gedankenkarussell könnte auch ein Grund gewesen sein, dass ich dennoch schnell aus dem Schmerzkreislauf wieder rauskam. Denn ich habe mir deutlich bewusst gemacht, was in meinem Körper gerade passiert und dass es mich nicht umbringt, dass mein Leben weiter geht und dass ich mit meinem Denken und Handeln verantwortlich für den Verlauf bin – ob Bandscheibenvorfall oder Nerveinklemmung.

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Warum tut dein Rücken noch weh, wenn die akute Verletzung Wochen zurück liegt?

Wenn der Arzt sagt „da ist nichts akutes (mehr) zu sehen“, erwartest du, dass auch der Schmerz weg ist. Wenn er das nicht ist, denkst du schnell: „Da stimmt doch was nicht. Vielleicht hat er etwas übersehen.“ Diesen Gedanken kenne ich aus meiner eigenen Reha-Zeit nur zu gut.

Du bildest dir den Schmerz nicht ein. Er ist real. Aber er hat oft nichts mehr mit einem aktuellen Schaden an deinem Rücken zu tun. Schmerz und Verletzung sind nicht dasselbe. Das hat die Forschung in den letzten Jahrzehnten klar gezeigt. Es gibt Schmerzen die setzen sich fest, obwohl da nichts (mehr) ist.

Stell dir dein Nervensystem wie einen Rauchmelder vor. Wenn der Rauchmelder einmal Feuer gemeldet hat, kann er empfindlicher werden. Manchmal bleibt er auf „Alarm“, auch wenn das Feuer längst aus ist. Schon eine angebrannte Scheibe Brot löst dann das volle Sirenenkonzert aus. Dein Schmerzempfinden funktioniert ähnlich. Nach einem Bandscheibenvorfall können die Nervenbahnen empfindlicher bleiben, als sie eigentlich müssten. Dein Körper meldet „Gefahr“, wo eigentlich nur eine ganz normale Bewegung passiert.

Der Fachbegriff dazu: zentrale Sensibilisierung

Wenn Fachleute über dieses Phänomen sprechen, nutzen sie den Begriff „zentrale Sensibilisierung“. Damit ist gemeint, dass dein zentrales Nervensystem nach längerem Schmerz seine Schmerzschwelle senkt. Dein Rückenmark und dein Gehirn reagieren stärker auf Reize, die früher unauffällig waren. Diese Veränderung ist nicht eingebildet, aber eben übersensitiv. Und sie ist umkehrbar. Bewegung, Wissen über Schmerz und eine gute therapeutische Begleitung können dem Nervensystem helfen, wieder zu seinem normalen Pegel zurückzufinden.

Dazu kommt etwas, das viele unterschätzen. Wenn du dich aus Angst über viele Wochen oder Monate schonst, baut deine Muskulatur ab. Vor allem deine Tiefenmuskulatur, die deine Wirbelsäule eng umschließt und sie stabil hält, wird schwächer. Gleichzeitig verspannen sich die oberflächlichen Muskeln, weil sie die fehlende Stabilität ausgleichen müssen. Bewegungen, die früher leicht waren, fühlen sich plötzlich anstrengend und unsicher an. Und das wiederum bestätigt deinem Gehirn: „Siehst du, Bewegung ist gefährlich.“ Der Kreis schließt sich.

Es gibt noch einen Faktor, den fast niemand auf dem Schirm hat: Chronischer Stress.

Nach einem Bandscheibenvorfall stehst du fast automatisch unter Dauerstress. Krankschreibung. Sorgen. Das Gefühl, nichts mehr zu können. Neben den sonstigen alltäglichen Herausforderungen wie Job, Familie, Partnerschaft und Co… auch unterbewusst. Dein Körper schüttet in dieser Zeit dauerhaft erhöhte Mengen das Stresshormon Cortisol aus. Auf Dauer hat Cortisol eine Nebenwirkung: Es bremst den Heilungsprozess, der dein Gewebe wieder aufbaut. Gleichzeitig sinkt deine Schmerzschwelle. D.h. dein Körper wird empfindlicher und empfindet schneller Schmerz als sonst.

Stress ist damit ein Mitverursacher, warum sich die Heilung nach einem Bandscheibenvorfall manchmal zäh und sehr langwierig anfühlt.

 

Genau hier kann Pilates ansetzen. Pilates spricht gezielt deine Tiefenmuskulatur an und senkt nachweislich Cortisol im Körper. Pilates lässt sich präzise an deine aktuelle Belastbarkeit anpassen. Aber bevor wir dahin kommen, schauen wir uns erst den Kreislauf an, der dich gefangen hält.

Der Kreislauf, der dich gefangen hält

Infografik - Angst-Vermeidungs-Kreislauf einfach erklärt

Ich zeichne dir den „Kreislauf“ am liebsten als Schaubild auf. Stell ihn dir wie eine Spirale vor, der dich immer tiefer hineinzieht, je länger du nicht aktiv eingreifst. Er hat vier Stationen, die immer wieder denselben Pfad nehmen.

Am Anfang steht der Schmerz nach dem Bandscheibenvorfall. Ein Signal, ein Stechen, ein Ziehen. Dein Körper teilt dir mit, dass da was verletzt ist. So weit ist alles normal und gesund und auch richtig.

Im Laufe der Zeit fängst du an, deine Schmerzen zu bewerten. Du denkst nicht „ok, mein Körper meldet was, ich kümmere mich darum“, sondern „Oh nein, das tut so weh, da geht bestimmt noch mehr kapputt.“ Diese eine Bewertung verändert alles. Auf diese Weise kippt der Schmerz in eine Bedrohung, und das Gehirn schaltet auf Alarm.

Aus dem Alarm wird Angst, Angst vor Bewegung, denn die könnte ja wieder weh tun und Schlimmeres verursachen. Wenn dein Gehirn Schmerz mit Gefahr verknüpft, beginnt es, dich zu schützen. Beim Bücken ziehst du dich zusammen. Beim Treppensteigen hältst du die Schultern hoch. Du wirst vorsichtig, und zwar nicht ein bisschen, sondern grundsätzlich.

Aus der Angst folgt die Schonung. Du lässt das Tanzen sein, du sagst den Pilateskurs ab, du trägst die Tasche nicht mehr selbst. Am besten hörst du noch Hinweise aus deinem Umfeld oder gar von Ärzten, die dir raten, dich lieber zu schonen und ganz vorsichtig zu sein. Das schürt deine unbewusste Bewegungsangst weiter an. Erstmal fühlt sich das gut an, weil du deine körperliche Aktivität runter fährst, damit sinkt auch die Angst im ersten Moment. Aber genau hier kippt der Plan. Denn die Schonung führt zu schwächerer Muskulatur, die sorgenhafte Bewertung des Schmerzes zu verstärkter Angst und noch mehr Sensibilität zu wieder mehr Schmerz. Und damit landest du wieder am Anfang des Kreises, nur diesmal mit weniger Kraft, weniger Vertrauen und mehr Angst und andauernden Schmerzen.

Das ist der Kreislauf. Forschungsdaten zeigen sehr deutlich, dass dieser Kreislauf bei chronischen Rückenschmerzen oft eine größere Rolle spielt als das eigentliche körperliche Problem. Wie viel sich jemand zutraut und wie viel jemand am Ende tatsächlich bewegen kann, lässt sich besser über die Bewegungsangst vorhersagen als über die medizinischen Befunde. Aufbrechen lässt sich der Kreislauf vor allem mit deiner Bewertung über den Schmerz. Solange du wirklich glaubst, dass dir Bewegung schadet, solange hält dich der Kreislauf fest.

Der Fachbegriff dazu: Fear-Avoidance-Modell

In der Schmerzforschung heißt dieser Kreislauf das „Fear-Avoidance-Modell“, auf Deutsch etwa Angst-Vermeidungs-Modell. Es wurde im Jahr 2000 in einer wegweisenden wissenschaftlichen Arbeit ausführlich beschrieben und gehört bis heute zu den am besten erforschten Erklärungsansätzen für anhaltende Rückenschmerzen. Seine zentrale Aussage lautet, dass nicht der Schmerz selbst, sondern die Reaktion darauf bestimmt, ob aus akutem Schmerz chronischer Schmerz wird.

Infografik als Kreislauf: Kinesiophobie bei lumbalem Bandscheibenvorfall 

Den Kreislauf befeuert noch etwas anderes. Ein gut gemeinter Satz vom Arzt wie „Schonen Sie sich“ oder „Sie haben einen empfindlichen Rücken, da müssen Sie aufpassen“ wirkt für viele wie eine offizielle Bestätigung. „Siehst du, mein Rücken ist tatsächlich kaputt.“ Es geht dabei nicht darum, dass dein Arzt böse Absichten hat. Es geht darum, dass ein ungeschickt gewähltes Wort dich in dem Kreislauf gefangen hält.

Du kannst aussteigen. An jeder dieser vier Stationen lässt sich der Kreislauf unterbrechen. Und genau das schauen wir uns als Nächstes an.

Der Weg zurück in Bewegung in drei Schritten

Ich bin nicht aus der Bewegungsangst herausgekommen, indem mir jemand gesagt hat „stell dich nicht so an“. Ich bin herausgekommen, weil ich drei Dinge in der richtigen Reihenfolge gemacht habe. Verstehen, Vertrauen, Bewegen (mit Pilatesübungen). Genau diese drei Schritte begleite ich heute auch bei meinen Teilnehmern, und die Forschung bestätigt, dass diese Reihenfolge funktioniert.

 

Verstehen

Bevor du daran glauben kannst, dass dir Bewegung nicht schadet, sondern gut tut, brauchst du Wissen. Nicht Lehrbuchwissen, sondern ein klares Bild davon, was in deinem Körper passiert und was nicht. Wenn du verstanden hast, dass Schmerz und Verletzung zwei verschiedene Dinge sind, dass dein Nervensystem überempfindlich sein kann und dass die Schonung selbst zum Problem geworden ist, fällt schon ein Stück Angst weg. Das ist kein Wunder, sondern Psychologie. Die Forschung hat in mehreren Studien gezeigt, dass alleine das richtige Wissen über Schmerz die Bewegungsangst deutlich senkt. Genau dieses Wissen baue ich gerade mit dir auf, indem du diesen Ratgeber liest.

 

Vertrauen

Nach dem Verstehen kommt das Spüren. Und hier liegt der Schlüssel. Du baust Vertrauen nicht auf, indem du dein Empfinden ignorierst, so tust, als wäre nichts und den nächsten Powersportkurs besuchst. Du baust es durch viele kleine gute Bewegungserfahrungen auf. Eine winzige Katze-Kuh-Bewegung im Vierfüßlerstand, die nicht weh tut. Eine zweite, die sich gut anfühlt. Eine dritte, bei der du merkst „das geht“. Diese kleinen Erfolge sind wichtiger als jeder ehrgeizige Trainingsplan, weil sie deinem Gehirn ein neues Signal geben. Bewegung ist sicher. Bewegung tut gut. Bewegung ist mein Verbündeter.

Ich handhabe es mit Teilnehmern in dieser Situation so, dass wir gemeinsam Bewegungen heraus suchen, die du dir aktuell zutraust. Wir bauen sie sauber auf, immer einen Schritt unter deiner Angstgrenze. Und dann gehen wir Stück für Stück höher. Genau hier ist Pilates ein dankbarer Begleiter, weil sich jede Übung präzise abstufen lässt.

 

Bewegen

Erst jetzt kommt das, was viele für den ersten Schritt halten. Das eigentliche Pilatestraining, aber dosiert und gezielt und dosiert. Du arbeitest nicht mehr danach, wie weh es tut, sondern danach, wie viel du dir vorgenommen hast. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wenn dein Schmerz dich bestimmt, bleibst du im alten Kreislauf. Wenn du dich an deinem Plan orientierst, baust du Stück für Stück wieder Kraft, Stabilität und Belastbarkeit auf. Dein Vertrauen in deinen Körper wächst, deine Sensibilität für Schmerz wird wieder sinken. Du wirst dich wieder mehr bewegen können.

Etwas überrascht viele meiner Teilnehmer besonders. Der dritte Schritt ist oft der einfachste, sobald die ersten zwei Schritte gut sitzen. Für diesen schrittweisen Aufbau der Aktivität eignet sich Pilates so gut. Aber nicht jede Form von Pilates ist gleich, und nicht jeder Kurs ist für jeden Zustand richtig.

PILATES Training gegen Rückenschmerzen

Wo dich Pilates abholt und wo nicht

Pilates ist nicht gleich Pilates. Es gibt den Pilates-Gruppenkurs im Studio, den Online-Kurs zu Hause, das Pilates-Reformer-Training mit Gerät, die Pilatesstunde mit Kleingeräten und die Einzelstunde mit individueller Anleitung. Alle haben ihre Berechtigung. Aber sie passen nicht zu jedem Zustand.

Wenn du mitten in der Bewegungsangst steckst, gehe nicht als erstes in einen normalen Gruppenkurs (wenn du die anderen Schritte zuvor nicht gemacht hast). Das ist meine klare Empfehlung. Ich sage das, obwohl ich genau diese Kurse seit über 30 Jahren leite und liebe. Aber ein Gruppenkurs hat ein Tempo, das von der Gruppe und vom Stundenkonzept vorgegeben wird. Er hat Übungen, die für die Mehrheit funktionieren. Und er fordert dich, in einer Runde mit anderen etwas auszuprobieren, was sich vielleicht gerade unsicher anfühlt. Auch Pilateskurse mit dem Reformer würde ich für den Start hintenanstellen.

Das bestätigt übrigens auch die Forschung. Studien, die Matten- und Reformer-Pilates direkt verglichen haben, zeigen: Für den Einstieg und für Menschen in einer besonderen körperlichen Phase ist Matten-Pilates die bessere Wahl. Der Grund ist eigentlich logisch. Auf der Matte übernimmt dein Körper die gesamte Stabilisierungsarbeit selbst. Das trainiert genau die tiefen Stabilisatoren und das Körpergefühl, die nach einem Bandscheibenvorfall geschwächt sind. Am Reformer nehmen Federn und Seilzüge einen Teil dieser Arbeit ab. Zudem fordert dich der  Pilatesreformer durch höheren Wiederstände durch die Federn vermutlich noch (zu) stark. Das ist vermutlich nicht das, was du in dieser Phase brauchst. Das wird wiederkommen, doch erst, wenn die anderen Dinge gut klappen, wie ich im Ratgerber „Mattenpilates versus Reformer-Pilates“ genauer erkläre.

Auch reines Online-Pilates mit Youtube-Videos zu Hause halte ich für diese Phase für ungünstig. Die Bewegungen in den Videos sind typischerweise nicht auf dich abgestimmt. Im schlimmsten Fall kann „irgendein“ Pilates-Video-Workout genau die nächste schlechte Erfahrung produzieren, weil dich die eine oder andere Bewegung noch überfordert, was deine Bewegungsangst wieder befeuert.

Was passt, ist eine Form von Pilates, die dich genau dort abholt, wo du heute stehst. Eine, in der jemand deine Bewegung beobachtet und sofort anpasst. Eine, in der das Tempo nach dir geht und nicht nach einem Stundenkonzept. Eine, in der eine einzige saubere Bewegung mehr zählt als zehn ungeführte Wiederholungen. Diese Form gibt es. Sie heißt therapeutisches Pilates.

Wenn der normale Pilates-Kurs noch zu viel ist

Therapeutisches Pilates ist genau das, was der Name sagt. Pilates, welches dich therapeutisch begleitet. Nicht im Sinne einer ärztlichen Behandlung, sondern als individuelles Bewegungsangebot für Menschen, deren Körper sich gerade in einer besonderen Phase befindet. Bei mir bekommst du Einzelbetreuung, einen Termin nur für dich, Übungen, die genau zu deinem aktuellen Zustand passen, und ein Tempo, das du bestimmst. Diese Übungen erarbeiten wir gemeinsam, so dass du sie auch zu Hause fortführen kannst. Ich möchte dich als Pilatescoach befähigen, wieder selbst einschätzen zu können, was geht.

Ich erkläre dir am Anfang, was in deinem Körper gerade los ist, sodass du verstehst, warum wir bestimmte Bewegungen wählen und andere weglassen. Dann bauen wir gemeinsam eine Bewegungshierarchie auf. Das ist nichts anderes als eine Liste von Bewegungen, sortiert nach deinem Angstpegel. Wir fangen ganz unten an, bei den Bewegungen, die du dir komplett zutraust, und arbeiten uns Schritt für Schritt nach oben.

So sieht eine typische Pilates-Begleitung in meiner Praxis aus

In den ersten ein bis zwei Wochen baue ich mit dir das nötige Verständnis auf. Wir klären, was bei dir aktuell körperlich los ist, sortieren Bewegungen nach Angstpegel und finden die Bewegungen, die du dir komplett zutraust.

In den Wochen drei bis sechs bringen wir dich behutsam in neue Bewegungen. Wir gehen Stück für Stück höher in der Bewegungshierarchie. Du erlebst, dass Bewegung sicher ist, und dein Vertrauen wächst mit jeder Stunde.

In den letzten zwei Wochen übertragen wir das Erlernte in deinen Alltag. Du bekommst Werkzeuge mit, um selbstständig weiterzuarbeiten, und wenn du möchtest, leite ich dich an einen Gruppenkurs heran.

Diese acht Wochen sind ein typischer Rahmen, kein starres Programm. Bei manchen geht es schneller, bei anderen brauchen wir mehr Zeit. Manche nutzen eine Session mit mir, andere mehrere. Du bestimmst das.

Dabei orientieren wir uns nicht an dem, was im Stundenplan steht, sondern an dem, was du heute brauchst. An manchen Tagen heißt das eine ruhige Stunde mit Atemarbeit und feinen Beweglichkeitsübungen. An anderen Tagen heißt das eine fordernde Stunde, in der wir gezielt deine Tiefenmuskulatur kräftigen. Mein geschulter Blick erkennt, wo du aktuell stehst, und passt die Stunde live an. Das ist die Stärke der Einzelbetreuung. Sie funktioniert deshalb so gut, weil sie nicht auf ein Schema reagiert, sondern auf dich.

Mit der Zeit kommst du zu einem Punkt, an dem du den Gruppenkurs nicht mehr als Bedrohung erlebst, sondern als nächsten natürlichen Schritt. Du hast Vertrauen aufgebaut, deinen Körper neu kennengelernt und Bewegungen wiedergefunden, die dir Freude machen. Genau das ist das Ziel. Du sollst nicht für immer in der Einzelbetreuung bleiben. Du sollst zurück in dein Leben.

Icon Erfahrungsbericht

Therapeutisches Pilates

Wenn sich ein normaler Kurs noch zu viel anfühlt, ist therapeutisches Pilates genau der Zwischenschritt für dich. Einzelbetreuung, Tempo nach deinem Empfinden und Übungen, die zu deiner aktuellen Belastbarkeit passen. Ich begleite dich Stück für Stück zurück in Bewegung. Ich lade dich ein, dir auf dieser Seite anzuschauen, wie eine therapeutische Pilatesstunde bei mir abläuft.

Wann Pilates allein nicht reicht

Ich bin überzeugt von Pilates. Das weißt du jetzt. Aber ich bin genauso überzeugt davon, Grenzen klar zu benennen.

Wenn dein Schmerzempfinden und deine Angst vor Bewegung so stark sind, dass du kaum noch am Alltag teilnimmst, wenn Traurigkeit, Schlafprobleme oder ein genereller Rückzug dich begleiten, dann braucht es mehr als Pilates. Dann solltest du dir psychologische Hilfe suchen, um den Kreislauf zu durchbrechen. Therapeutisches Pilates kann in diesem Fall ein wertvoller Baustein sein, aber kein ausreichender alleiniger Schritt. Dann kann psychologische Begleitung, die parallel oder vorab ansetzt, den entscheidenden Unterschied machen.

Genauso gilt: Wenn du noch in einer frühen Heilungsphase bist (etwa die ersten 4 Wochen), wenn neurologische Symptome wie Taubheitsgefühle oder Kribbeln auftreten oder wenn dein Arzt noch kein grünes Licht gegeben hat, solltest du vor dem Start ins therapeutische Pilates das Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Arzt suchen. Pilates ist kein Ersatz für medizinische Diagnose und Behandlung. Es ist ein Begleiter auf dem Weg danach.

Ich sage dir das, weil es mir wichtig ist, dass du den richtigen Weg gehst. Nicht den schnellsten. Den richtigen.

Pilatesrücken

Du kannst aus der Bewegungsangst heraus kommen

Wenn ich auf meinen eigenen Weg zurückblicke, dann war das Schwerste nicht der Bandscheibenvorfall selbst. Es war die Zeit danach. Die Phase, in die Reha längst abgeschlossen war, mein Kopf aber immer noch im Notfallmodus stand. Diese Zeit ist die unsichtbare Phase der Heilung, über die kaum jemand spricht und die in der Realität oft übersehen wird.

Du weißt jetzt, dass Bewegungsangst nach einem Bandscheibenvorfall ein häufiges, erklärbares und vor allem veränderbares Muster ist. Du weißt, dass der Schmerz, den du noch spürst, real ist und gleichzeitig nicht zwingend bedeutet, dass etwas kaputt ist. Du weißt, dass der Kreislauf aus Angst, Schonung und mehr Schmerz vier Stationen hat, an denen du aussteigen kannst. Und du weißt, dass der Weg dorthin in drei Schritten geht. Verstehen, Vertrauen, Bewegen.

Pilates kann auf diesem Weg ein dankbarer Begleiter sein, weil es deinen Körper genau dort anspricht, wo er nach einem Bandscheibenvorfall geschwächt ist. Aber der Einstieg muss zum aktuellen Zustand passen und du musst ihn wollen. Wenn der Gruppenkurs sich noch zu groß anfühlt, ist das therapeutische Pilates der Zwischenschritt, der dich behutsam abholt.

Du musst dort, wo du jetzt bist, nicht bleiben. Gehe den ersten Schritt. Nicht morgen, nicht nächste Woche, sondern heute.

deine

Pilates-Anna

Anna-Maria Breil - Tipps für mentale Stärke
Anna-Maria Breil / die Pilates-Anna

Anna-Maria Breil / die Pilates-Anna

Sport- und Trainingswissenschaftlerin (B.A.) / Inhaberin Pilatesstudio

Leidenschaft, Motivation und unglaubliche Freude an Bewegung zeichnen mich aus. In diesem  einzigartigen Pilates-Onlineratgeber bekommst du von mir alles rundum Pilates und einen rückengesunden Körper – leicht verständlich und nützlich verpackt. Ich wünsche mir für dich, ein aktives Leben voller Energie und Gesundheit. Pilates kann dir dabei helfen. Mehr über mich …

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