Pilates gegen Stress – warum es funktioniert
Pilates gegen Stress oder bei Stress – ein Thema, das immer mehr Menschen bewegt, gerade weil Stress längst kein Randproblem mehr ist, sondern den Alltag vieler Frauen und Männer zwischen 30 und 60 prägt.
Als Sportwissenschaftlerin und Pilateslehrerin mit über 30 Jahren Erfahrung habe ich in meinem Studio in Oberhausen und in meinen Onlinekursen über die Jahre hunderte von Menschen begleitet, die mit Stress, Verspannungen und körperlicher Erschöpfung zu mir kamen – und ich erlebe, was Pilates mit diesen Menschen macht.
Ich möchte aber auch betonen: Pilates ist kein Wundermittel gegen Stress und ersetzt keine psychotherapeutische oder medizinische Unterstützung, wenn du ernsthaft unter chronischem Stress oder einem Burnout leidest. Was Pilates aber nachweislich kann, ist das Nervensystem zu beruhigen, den Körper zu entlasten und dir einen Raum zu geben, in dem du wirklich ankommst – mit dir selbst.
Wenn du das Gefühl kennst, dass dein Kopf nicht abschalten kann, dein Körper angespannt ist und du trotz Erschöpfung nicht zur Ruhe kommst, dann ist dieser Ratgeber für dich.
In diesem Ratgeber erfährst du, was in deinem Körper passiert, wenn du unter Stress stehst, warum Pilates auf mehreren Ebenen gleichzeitig wirkt, welche drei Übungen du sofort ausprobieren kannst und wie regelmäßiges Pilatieren langfristig deine Stressresilienz stärkt.
Nach dem Lesen weißt du, wie Pilates biologisch auf dein Stresssystem wirkt, welche Pilatesübungen sich bei akutem und chronischem Stress eignen und wie du den Einstieg findest – mit realistischen Erwartungen und einem klaren nächsten Schritt.
Kurz und knackig kannst du die wichtigsten Punkte des Inhalts auch in dem kurzen Video bekommen.
Bevor wir zu den Übungen kommen, lohnt sich ein kurzer Blick auf die Biologie, denn wer versteht, was im Körper passiert, kann auch besser nachvollziehen, warum bestimmte Bewegungen helfen.
Stress ist keine Einbildung und keine Schwäche – er ist eine uralte Schutzreaktion des Körpers. Sobald dein Nervensystem eine Bedrohung wahrnimmt, aktiviert es den sogenannten Sympathikus, den Teil des Nervensystems, der für Kampf oder Flucht zuständig ist. Dein Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich an, die Atmung wird flacher, und der Körper schüttet Stresshormone aus – allen voran Cortisol und Adrenalin. Cortisol stellt in diesem Zustand schnell verfügbare Energie bereit und schärft die Aufmerksamkeit. Das ist im Akutfall, wenn unser Leben in Gefahr ist, lebensrettend und gut so.
Das Problem ist jedoch: Unser Körper kann nicht unterscheiden, ob die Bedrohung ein Säbelzahntiger ist, der uns jagt oder eine volle E-Mail-Box. Er reagiert auf beides gleich. Und wenn der Stresszustand chronisch wird – also wenn der Sympathikus dauerhaft aktiv bleibt –, dann zahlt der Körper einen hohen Preis. Muskeln gehen in Daueranspannung und „verspannen“ sich, die Atmung bleibt flach und schnell, Schlaf wird schlechter, das Immunsystem leidet, und Schmerzen – besonders im Rücken und Nacken – nehmen zu.
Der Gegenspieler des Sympathikus ist der Parasympathikus, manchmal vereinfacht als "Rest and Digest"-System bezeichnet. Er sorgt für Erholung, Regeneration und Ruhe. Das Ziel jeder Entspannungsstrategie – und auch von Pilates – ist es, den Parasympathikus zu aktivieren.
Pilates wirkt nicht zufällig gegen Stress. Es gibt drei klar beschreibbare Mechanismen, die ineinandergreifen.
Pilates ist Atemarbeit – das war schon Joseph Pilates' Grundüberzeugung. In seinem Werk "Return to Life Through Contrology" beschreibt er die vollständige Ausatmung als eines der wichtigsten Prinzipien: Erst wenn die Lunge vollständig geleert ist, kann frische, sauerstoffreiche Luft einströmen.
Die Zwerchfellatmung – die Art, wie wir im Pilates atmen – stimuliert den Vagusnerv, einen der wichtigsten Nerven des parasympathischen Systems. Wenn der Vagusnerv aktiviert wird, sendet er ein klares Signal ans Gehirn: Gefahr vorbei, Entspannung möglich. Die Herzrate sinkt, die Muskeln lockern sich, die Wahrnehmung weitet sich.
Wenn du dir genauer anschauen möchtest, wie Atemübungen allein auf das Nervensystem wirken, empfehle ich dir meinen Pilates-Ratgeber „Atemübungen zur Entspannung“.
2. Bewegung, die das Stresshormon aus dem Körper löst
Cortisol und Adrenalin, die bei Stress ausgeschüttet werden, sind an die Muskulatur gebunden. Bewegung – und zwar sanfte, kontinuierliche Bewegung – hilft dabei, diese Hormone abzubauen und aus dem Gewebe zu lösen.
Pilates ist dabei besonders gut geeignet, weil es weder zu intensiv ist, um zusätzlichen Stress auszulösen, noch so passiv wie bloßes Ausruhen. Es aktiviert die Muskulatur auf moderatem Niveau und hält die Durchblutung in Gang, ohne das Cortisol-System erneut zu triggern.
3. Fokus als Unterbrechung des Gedankenkarussells
Pilates verlangt Aufmerksamkeit. Du musst dich konzentrieren, wie die Übung auszuführen ist, wie du atmest, ob die Schultern unten bleiben. Diese gelenkte Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper ist kein Nebenprodukt des Trainings – sie ist sein Kern. Ich nutze diesen Mechanismus in meinen Kursen sehr bewusst und gezielt, so dass du immer wieder aufgefordert bist, deine Aufmerksamkeit auf die Bewegung zu lenken, die du gerade ausführst.
Forschungsergebnisse zeigen, dass Pilates die Achtsamkeit und Körperwahrnehmung von Teilnehmenden vertieft und zu einer bewussteren Verbindung mit dem eigenen Körpererleben führt. Wer bewusster wahrnimmt, wann sich Anspannung aufbaut, kann früher gegensteuern.
Dieser Fokus-Effekt ist gleichzeitig eine Unterbrechung des Gedankenkarussells, das Stress so hartnäckig macht. Während du pilatierst, ist dein Kopf beschäftigt – mit deinem Körper, nicht mit dem, was morgen noch alles erledigt sein muss.
Drei Pilates-Übungen gegen Stress
Die folgenden drei Übungen stammen aus dem klassischen Pilates-Repertoire und eignen sich besonders gut für Menschen, die mit Stress, Verspannungen und innerer Anspannung zu kämpfen haben. Sie verbinden Atemarbeit, Mobilisation und ruhige Muskelaktivierung auf eine Weise, die gezielt auf das Nervensystem wirkt. Joseph Pilates hat bereits gezeigt, dass gerade Bewegungen, in denen sich die Wirbelsäule ab- und aufrollt, beruhigen und auch für einen besseren Schlaf sorgen.
Bitte führe alle Übungen langsam, bewusst und ohne Leistungsdruck aus. Das ist kein Sporttest – es ist bewusste Körperarbeit.
die Bridge (Beckenbrücke)
Die Beckenbrücke mobilisiert die gesamte Wirbelsäule und aktiviert dabei die tiefe Bauch- und Rückenmuskulatur. Sie ist eine der wirksamsten Übungen, um Verspannungen im unteren Rücken zu lösen, die bei Stress fast immer entstehen.
Lege dich auf den Rücken, stelle die Füße hüftbreit auf, die Arme liegen entspannt neben dem Körper. Atme ein. Beim Ausatmen beginnst du, das Becken langsam vom Boden abzuheben – Wirbel für Wirbel rollst du die Wirbelsäule hoch, bis du eine gerade Linie von den Schultern bis zu den Knien bildest. Aktiviere dabei das Powerhouse. Dann rollst du beim nächsten Einatmen Wirbel für Wirbel wieder nach unten, bis der Po als letztes den Boden berührt. Wiederhole das 5–8 Mal.
Achte darauf, dass du nicht ins Hohlkreuz ausweichst und die Knie über den Füßen bleiben. Das Wichtigste: Verbinde jede Bewegung mit dem Atem und spüre, wie sich die Wirbel einer nach dem anderen vom Boden hebt und wieder ablegt.
Ausgangsposition
Lege dich auf den Rücken. Stelle die Füße auf. Atme zuerst ein. Bleibe dabei liegen und atme in den Brustkorb hinein.
Ausatmen
Hebe deinen Rücken vom Boden ab, bis du nur noch zwischen deinen Schultern aufliegst.
Einatmen
Rolle dich Wirbel für Wirbel wieder nach unten ab bis in die Ausgangsposition.
Roll Down and Roll Up
Diese Übung ist klassisches Pilates – und zugleich eine der besten Mobilisationsübungen für eine durch Stress „verriegelte“ Wirbelsäule. Roll Down und Roll Up trainieren außerdem die tiefe Bauchmuskulatur und fördern das Körpergefühl, gerade für menschen mit einer Steifigkeit im unteren Rücken.
Sitze aufrecht, die Füße hüftbreit, die Arme hängen locker. Atme ein. Beim Ausatmen nickst du das Kinn zur Brust, machst den Rücken rund und kippst das Becken. Du rollst ganz (oder auch nur halb) bis auf den Boden runter und atmest unten neu wieder ein. Dann rollst du beim nächsten Ausatmen Wirbel für Wirbel wieder auf, bis du wieder aufrecht sitzt.
Beginne mit 4–6 Wiederholungen und steigere dich langsam. Wer Bandscheibenprobleme im unteren Rücken hat, sollte diese Übung zunächst besprechen. In der akuten Phase sind andere Übungen nach einem Bandscheibenvorfall besser geeignet.
Ausgangsposition
Setze dich. Beide Füße mit etwas Abstand aufstellen. Der Rücken ist lang. Die Arme zeigen auf Rückenhöhe nach vorn. Atme zuerst ein. Bleibe sitzen und mache dich im Rücken noch länger.
Ausatmen
Rolle dich mit rundem Rücken Wirbel für Wirbel nach unten auf den Boden, bis du unten liegst.
Einatmen
Rolle dich Wirbel für Wirbel wieder hoch bis in die Ausgangsposition mit langem Rücken.
Dog Down in Kombination mit Plank
Diese Kombination ist etwas intensiver als die ersten beiden Pilatesübungen – sie aktiviert den gesamten Körper, dehnt die hintere Muskelkette und fordert gleichzeitig Stabilität und Körperkontrolle in deiner Körpermitte.
Beginne im Vierfüßlerstand, die Hände unter den Schultern, die Knie unter den Hüften. Atme vorbereitend ein. Beim Ausatmen hebst du die Knie an, schiebst den Po zur Decke, bis du in der umgekehrten V-Form bist: Die Fersen ziehen in Richtung Boden, Kopf zwischen den Armen, Rücken lang. Halte zwei Atemzüge. Mit den nächsten Ausatmen senkst du das Becken Richtung Boden in die Plankposition: Dein Körper bildet eine Linie von Kopf bis Ferse. Halte einen Atemzug. Beim nächsten Ausatmen geht es zurück in den Dog Down. Wiederhole das 4–5 Mal.
Wichtig: In der Plankposition nicht ins Hohlkreuz fallen. Ziehe den Bauchnabel nach innen, damit du tiefe Bauchmuskulatur aktiviert, die deinen Rücken stärkt.
Ausgangsposition
Gehe in die Hocke. Beide Füße mit etwas Abstand aufstellen. Krabbel mit den Händen nach vorn bis in die Liegestützposition (Plank). Halte kurz. Schiebe den Po zur Decke zum DogDown, ziehe die Fersen zum Boden und versuche, Rücken und Arme auf eine Linie zu bringen. Halte kurz. Komme wieder runter in den Plank.
Wechsle auf diese Weise 3-5x die Position.
Atmung
Halte zu keinem Zeitpunkt die Luft an. Atme ein, wenn du die Position hältst. Atme aus, wenn du die Position wechselst.
Hinweis: Wie oft sollte ich diese Übungen machen?
Für einen spürbaren Effekt auf das Stresserleben brauchst du eine Häufigkeit von mindestens zwei- bis dreimal pro Woche. Aber bereits eine einzelne Pilateseinheit kann akute positive Effekte auf Stimmung und Wohlbefinden zeigen. Jede Übungseinheit, die du möglich machen kannst, ist wertvoll.
Für den Einstieg: Fange mit zwei kurzen Einheiten pro Woche an – auch 20 bis 30 Minuten reichen. Kontinuität ist wichtiger als Dauer.
Damit du die Atemtechnik und die Übungsausführung von Anfang an richtig lernst, lade ich dich herzlich zu einem kostenlosen Probetraining ein. Du kannst entweder live in meinem Pilatesstudio in Oberhausen dabei sein oder bequem per Zoom von zu Hause aus mitmachen – ganz wie es für dich passt.
Pilates als Teil eines gesunden Lebensstils
Wenn du unter starkem, chronischem Stress oder einem Burnout leidest, brauchst du wahrscheinlich mehr als „nur“ Bewegung. Pilates kann ein wertvoller Baustein sein – neben ausreichend Schlaf, guter Ernährung, sozialer Unterstützung und wenn nötig professioneller psychologischer Begleitung. Pilates ist kein Ersatz, aber ein wunderbarer Bestandteil eines gesunden Lebensstils.
Was Pilates langfristig leisten kann: Es schult die Körperwahrnehmung so, dass du früher merkst, wann sich Anspannung aufbaut. Du lernst, durch die Pilatesatmung schneller in einen ruhigeren Zustand zu kommen. Und du baust über die Zeit eine physische Basis auf, die weniger anfällig für stressbedingte Beschwerden ist – weniger Rückenschmerzen, weniger Verspannungen im Nacken, mehr Stabilität in der Körpermitte.
Das alles macht dich nicht immun gegen Stress. Aber es verändert, wie dein Körper mit ihm umgeht.
Pilates gegen Stress – ins Leben integrieren
Stress ist selten ein isoliertes Problem – er entsteht im Zusammenspiel von Körper, Geist und den Bedingungen, unter denen wir leben. Pilates ist für mich deshalb kein Training, das man einmal pro Woche "absolviert", sondern eine Praxis, die man mit der Zeit in sein Leben integriert. Stark wie ein Baum, strahlend wie die Sonne, lebendig wie das Meer – das ist keine Werbebotschaft, sondern das, was ich bei meinen Teilnehmenden erlebe, wenn Pilates zur echten Gewohnheit wird.
Regelmäßige Bewegung, bewusste Ernährung, erholsamer Schlaf und soziale Verbindung – das sind die Pfeiler eines Lebens, das dem Stress standhält. Pilates unterstützt all diese Bereiche: Es verbessert die Schlafqualität, senkt das Stresserleben und stärkt das Körpergefühl. Wer einmal verstanden hat, wie eng Bewegung und psychisches Wohlbefinden zusammenhängen, wird Pilates nicht mehr als bloßes Training betrachten.
Wenn dich das Thema Bewegung und Gesundheit insgesamt interessiert, findest du auf meinen Pilates-Blog weitere Ratgeber rund um Rückengesundheit, orthopädische Themen und Pilates in besonderen Lebensphasen – von Skoliose und Arthrose über Nackenbeschwerden und Bandscheibenprobleme bis hin zu Pilates bei Long Covid und in den Wechseljahren oder einfach zum Fitwerden nach einer Bänderdehnung. Schau gerne vorbei.
Vor allem aber: Bringe Pilates in dein Leben und lass es nie wieder los.
Vielleicht sehen wir uns ja auch mal persönlich auf der Matte in Oberhausen im Studio oder über Zoom.
deine
Pilates-Anna














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